Der Nachlass des Kulturhistorikers Paul Heidelbach – Wahrhaftige Historia einer Diaspora in digitale Zeiten

Aus Anlass des 149. Geburtstags des Archivars, Bibliothekars, Schriftstellers Paul Heidelbach am 28. Februar 2019 ist diese Webseite von Sternbald Intermedia initiiert worden, um das fruchtbare Wirken des Kasseler Kulturhistorikers zu vergegenwärtigen. Die Zeit ist gekommen die Aufmerksamkeit auf den reichen familiären Nachlass zu richten. Bisher besitzt lediglich die Murhardsche Bibliothek als Teilbibliothek der Universitätsbibliothek Kassel in ihrem großen Handschriftenbestand einen Nachlass Paul Heidelbach. Dieser Teil-Nachlass steht zwar Forschern zur Verfügung, doch ist er trotz jahrzehntelanger Präsenz in der Bibliothek weder bibliothekarisch nach archivarisch erschlossen worden. Dieser insoweit öffentliche Nachlass ist nur ein Teil des Gesamtnachlasses, der zum 150. Geburtstag von Heidelbach im nächsten Jahr in Kassel zusammengeführt werden und damit der interessierten Öffentlichkeit angeboten werden soll. Das Stadtarchiv Kassel, dessen Bestände zu 90 Prozent Opfer der Bombennacht im Oktober 1943 geworden waren, hat einen sehr kleinen Heidelbach-Bestand, der sich via ‚Arcinsys’ finden lässt.

Eine archivalische Schatztruhe soll nach Kassel kommen

Der Großteil des Heidelbach-Nachlasses befindet sich nach wie vor im Familienbesitz, in den Händen des Enkels und eines der letzten Nachfahren. Der Grafiker Uli Helbing ist seit Jahr und Tag dafür initiativ, die für die Stadt Kassel besonders wertvollen Bestände dieses Nachlasses für eine qualifizierte Dislozierung an seine Heimatstadt vorzubereiten. In Kassel selbst, ob im Stadtmuseum oder im Stadtarchiv, sah sich der Erbe Uli Helbing dabei wenig angemessen behandelt, schon gar nicht willkommen geheißen. Mehrfach gingen seine Vorstöße, beginend im Jahr 2012 im Vorfeld des Stadtjubiläums 1100 Kassel in dieser Sache ins Leere. Uli Helbing übergab handschriftliche Nachlassteile, wie Protokolle von Besprechungen zur Oragnisation der 1000-Jahrfeier der Stadt Kassel im Jahr 1913 an einen damaligen Mitarbeiter des Stadtmuseums Kasse. Sie wurden in Empfang genommen. Und das war es aber auch. Keine Nachfragen, keine Nachforschungen seitens des Stadtarchivs oder Kulturamts der Stadt Kassel. Schon gar nicht passierte eine Interessenbekundung oder gar eine Besuchsanfrage beim Enkel Paul Heidelbachs im großen Wohnhaus in Karben, wo der Familiennachlass Paul Heidelbach in mehreren Räumen gut verwahrt ist.

Bildschirmfoto Archivsystem Arcinsys

Weitere Vorstöße des Nachlassbesitzers in Kassel lösten allenfalls oberflächliches Interesse aus. Er sei sich „wie ein Bittsteller in Kassel vorgekommen“, beklagt Uli Helbing – dabei ist er Eigentümer einer archivalischen Schatzkammer und Fundgrube, die ihresgleichen sucht. Ein Besuch bei den Eheleuten Helbing in der Wetterau im vergangenen Jahr offenbarte mir unmittelbar, dass hier zwei ältere Herrschaften mit Stolz und Würde inmitten vieler Hinterlassenschaften leben und starke Familientradition verkörpern und besten Umgang damit pflegen. Dazu gehört das Biedermeierzimmer von Paul Heidelbach, das als Salon Originalmöbel birgt, darunter der Sekretär des Archivars, Bibliothekars und Schriftstellers. Hier finden sich respektable Reste der Heidelbach´schen Bibliothek, die einst 8.000 Bände umfasste. Hinzu kommen persönliche Dokumente, von der Schulzeit, aus dem Studentenzeit in Berlin und Marburg und nicht zuletzt wertvolle Familienerbstücke von hohem Wert und zeitgeschichtlicher Bedeutung.

In Kassel präsentieren das Hessische Landesmuseum und das Stadtmuseum Kassel die gemeinsame Ausstellung ‚1918 – Zwischen Niederlage und Neubeginn‘ bis zum 28. April 2019. Diese colorierte Originalzeichnung vom ‚Camp de Cassel‘ gehört zum Familien-Nachlass Paul Heidelbach. Sie würde der Ausstellung, in der auch Kriegsgefangene in Kassel thematisiert werden, gut zu Gesichte stehen. Reproduktion Hartwig Bambey

So war im Jahr 2018 eine paradoxe Situation gegeben, die geradezu nach durchgreifenden Maßnahmen gerufen hat. Es gibt im Familienbesitz den gewichtigen Nachlassteil eines Archivars und Bibliothekars der Stadt Kassel. Die Heimatstadt Heidelbachs ist großer Teile ihres Stadtarchives und überlieferten schriftlichen Gedächtnisses in der Bombennacht im Oktober 1943 verlustig gegangen. Zugleich ignorierten und geringschätzten Bedienstete der Stadt Nachlassangebote des Erben ihres vormaligen Archivars, Bibliothekars, Schriftstellers und Stadthistorikers von Rang.

Paul Heidelbach „starb 1954 hochangesehen und wurde in den Nachrufen als „Vater des geistigen Kassel“ geehrt“, berichtete zuletzt der Kasseler Germanist Daniel Stein. Er hat 2013 zum Stadtjubiläum von Kassel ein „Digitales Wörterbuch der Kasseler Mundart von August Grassow und Paul Heidelbach“ geschaffen und online veröffentlicht. (1) Im Rahmen der seit Jahrzehnten angebotenen ‚Kasseler Literaturspaziergänge’ lädt der Germanist und Literaturkenner Karl-Heinz Nickel am 25. März 2019 zu einem Paul-Heidelbach-Abend in die Stadtbibliothek ein. Sein Vortrag Paul Heidelbachs „Wilhelmshöher Wassertag“ unterstreicht die Präsenz des Kulturhistorikers im heutigen Kulturleben der Grimmstadt und documenta-Stadt Kassel – kulminierend im Weltkulturerbe Bergpark Wilhelmshöhe. Die ersten Zeilen seines kulturhistorischen Essays in Versform (2) erhellen Intention(en) seines Verfassers. Als kleines Broschürenbuch veröffentlichte Heidelbach es unter dem Titel „Im Schatten des Herkules“ im Jahr 1914.

Wilhelmshöher Wassertag

Am Wilhelmshöher Wassertag

Geh´ droben einmal spazieren,

Dann kennst du das Kasseler Spießertum

Bis auf die Knochen und Nieren

Ende der Nachlass-Diaspora kommt im digitalen Zeitalter in Sichtweite

Mehr als 100 Jahre später wendet sich die neuere Literaturwissenschaft der Versform als Medium historischer Übermittlung zu. Paul Heidelbach wirkt (nach) in Kassel. E

Zum Jahresanfang 2019 gilt es die Diaspora des Nachlasses von Paul Heidelbach in das Auge zu fassen, um sie zu beenden. Der Familiennachlass steht dafür bereit – nach vorhergehender Sichtung, Ordnung und inhaltlicher Erschließung – nach Kassel übergeben zu werden. Er soll im Archiv sicher verwahrt werden und vor allem für Interessierte und für Forschungen zugänglich werden – das ist der Wunsch und die Vorstellung von Heidelbach-Enkel Uli Helbing. Dazu ist anzumerken, dass Paul Heidelbach mit seiner Pensionierung im Jahr 1935 von Kassel in das nahe Grifte übersiedelte. Daher wurden seine Wohnung und sein Nachlass nicht durch die Bombenangriffe des Jahres 1943 zerstört. Einen definierten Teil seines Nachlasses hatte er mit dem Ruhestand bereits an die Stadt Kassel übereignet, nicht zuletzt um seine bescheidenen Altersbezüge etwas aufzubessern. Darüber liegen keine Akzessionsunterlagen in der Handschriftenabteilung der Murhardschen Bibliothek mehr vor, wie deren Leiterin mitteilte. (3)

Dieser Nachlassteil ist ganz oder teilweise vom Bombenkrieg verschont geblieben. Es sind eine Zahl Archivboxen mit schriftlichen Unterlagen. Sie wurden jedoch nicht erfasst und spezifisch klassifiziert, stehen aber grundlsätzlich als Konvolut Forschungsinteressierten wie Daniel Stein oder Karl-Heinz Nickel zur Verfügung. (4) Im Stadtarchiv Kassel existiert ein signifikant kleinerer Nachlass Heidelbach, bestehend aus 26 Elementen, schriftliche Unterlagen, Familienfotos, Briefe. Dies findet sich in Arcinsys formal gelistet, allerdings leider ohne Ansichten, da nicht digitalisiert wurde. (5)

Aus Sicht des Enkels von Paul Heidelbach und in der Rezeption der Gesamtsituation ergibt sich als Aufgabenstellung zur Überwindung einer paradoxen Situation durchgreifend und integrierend tätig zu werden. Das wurde in den ersten Wochen des Jahres 2019 geleistet. So erklären (inzwischen) Stadtmuseum Kassel und insbesondere das Stadtarchiv Kassel Interesse am Erwerb des Familien-Nachlasses Heidelbach aus den Händen des Erben. Einige Gespräche, Fragen und verschiedene deutliche schriftliche Hinweise waren dem zuträglich. Erfreulicherweise hat zudem die Kasseler Kulturdezernentin Susanne Völker die Situation erkannt. Sie veranlasste einen ämterübergreifen Erörterungstermin mit allen Beteiligten, der im Monat März 2019 stattfinden soll. Eine inzwischen rechtlich unterlegte Beratung und Bevollmächtigung von mir als vormals Außenstehenden hat sich als fruchtbar erwiesen, um die verwirrende Gemengelage aus bürokratischen Gebaren und inadquäten Wahrnehmungen zu überwinden. (6)

Zusammenführung des Nachlasses Heidelbach zum 150. Geburtstag

So gerät die überfällige Zusammenführung dieses besonderen und wertvollen Nachlasses in Kassel zumindestens in Sichtweite. Allerdings wird aus guten Gründen – angesichts diesbzüglich unzureichender personeller Ausstattungen sowohl in der Murhardschen Bibliothek wie im Stadtarchiv Kassel – von der Geberseite in gestalt des Erben artikuliert, dass die wesentlichen Teile des umfangreichen (familiären) Nachlasses zuvor geordnet und strukturiert und archivalisch vorbereitet werden sollen. Der in Kassel avisierte Nachlass soll weitgehend erschlossen werden – bis hin zur Digitalisierung wichtiger Bestandteile, wie Zeugnisse, Urkunden, Briefe, zentraler handschriftliche Dokumente und Fotografien. Dies ist ein ambitioniertes Projekt, das mit Nachdruck begonnen werden soll, um die reichen (Hand-)schriftlichen Hinterlassenschaften vom Paul Heidelbach wahrnehmbar werden zu lassen und sie für Forschungszwecke zugänglich zu machen.

Ein Förderantrag zur Finanzierung ist diesbezüglich in Vorbereitung. Dieses Vorhaben des Enkels mit Unterstützung von mir als Journalisten, Forschungsinteressierten und Verlager hat sich als handfestes Projekt formulieren und aufstellen lassen. Dazu gehört die Unterstützung und Begleitung durch eine geeignete neue Institution. Der „Förderverein Stadtgeschichte Kassel e.V.“ befindet sich in Gründung. Angesichts der Volumina und Qualitäten der Nachlassbestandteile zugleich in ihrer familiären Verflechtung, die über mindestens fünf Generationen genealogisch erforscht und gut dokumentiert ist, wird zudem weitere wissenschaftliche Erforschung und Begleitung reflektiert und inittiert. Damit winkt das Ende einer Jahrzehnte währenden Zersplitterung und Diaspora, zumindest für wesentliche Teile bereits im nächsten Jahr zum 150. Geburtstag von Paul Heidelbach am 28. Februar 2020.

Der Sekretär ist eines von vielen Original-Möbelstücken aus dem Besitz von Paul Heidelbach als Bestandteil eines Biedermeier-Zimmers. Er soll Teil einer Sachstiftung an die Stadt Kassel werden. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Neben Tausenden Blättern Handschriften existieren viele körperliche Hinterlasssenschaften, darunter ein kompletter Biedermeier-Salon in dem Familiennachlass. Der Erbe Uli Helbing ist bereit auch dieses nach Kassel zu übergeben. Dies wird voraussichtlich in Gestalt einer kodifizierten (Sach-)Stiftung Verwirklichung finden. Der Heidelbach-Salon mit Biedermeiermöbeln, die ansehnlichen und wertvollen Bücher aus der Bibliothek Heidelbachs, zahlreiche Kunstwerke und Erinnerungsstücke können als „Literarisch-historischer Salon“ gestaltet werden und publikumsorientiert in Kassel zugänglich werden. Womöglich bietet das Palais Bellevue an der Schönen Aussicht dafür guten Raum und würdigen Kontext. Derzeit laufen für dieses Kulturdenkmal Planungen für neue Nutzungen in Regie der Stadt Kassel als Eigentümerin. Dazu berichtete die Tageszeitung HNA am 20.02. 2019: „Nachdem das städtische Gebäude jahrelang als Brüder-Grimm-Museum genutzt wurde, steht es seit der Eröffnung der Grimmwelt leer. Geplant ist, dort ein Haus für Musikgeschichte und Literatur unterzubringen. Nach Auskunft der Stadt laufen aber die Arbeiten an der Konzeption noch.“(7)

Fest steht bereits, dass das Louis-Spohr-Museum aus dem Kulturbahnhof dorthin umziehen wird. Außerdem sollen Raumangebote für Literatur und weiteres verwirklicht werden. Dort würde sich Paul Heidelbach Werk samt Bilder-Salon trefflich einreihen.

Heidelbach ante Portas

Wenn dieses Mal und zukünftig die großzügige Bereitschaft des Enkels Uli Helbing als Erben des bedeutenden Kunsthistorikers Pau Heidelbach in Kassel angemessen rezipiert und eingeordnet wird, winkt mehr als lediglich ein bedeutender Zuwachs im stadthistorischen Archivbestand. Bereits das gelungen und professionell umgesetzte Digitale Wörterbuch der Kasseler Mundart von August Grassow und Paul Heidelbach ist ein leuchtendes Beispiel für gelungene Forschungs-und technische Adaptionsleistung eines Heidelbach- Werkes in unsere Zeit. Idealistischer Einsatz des Germanisten Daniel Stein und Förderung der Stadt Kassel vor dem Hintergrund der 1100-Jahrfeier in 2013 machte es möglich. Es gibt viel tun jetzt, im Vorfeld, hinsichtlich der Abstimmungen mit den Ämtern und Institutionen Stadt (Kulturamt, Stadtmuseum, Stadtarchiv), für die Abstimmung adäquater Verträge und Vereinbarungen und nicht zuletzt hinsichtlich angemessener finanzieller Unterlegung.

Anmerkungen

(1) Digitales Wörterbuch der Kasseler Mundart von August Grassow und Paul Heidelbach, Online seit 2013: http:// www.dwkm.de

(2) Im Schatten des Herkules Ernste und heitere Reimereien von Paul Heidelbach, Kassel 1914

(3) Anfrage und Beantwortung durch Frau Dr. Pfeil vom Februar 2019, mailschriftlich.

(4) In 2019 kann dieser Heidelbach-Nachlass derzeit nicht eingesehen werden, weil Bereiche der Murhardschen Bibliothek wegen feuerpolizeilicher Sperrung und laufender Sanierungsarbeiten des historischen Gebäudes derzeit nicht für Publikum zugänglich sind.

(5)Suchergebnis 24.02.2019: https://www.arcinsys. hessen.de/arcinsys/einfachsuchen.action?pageName=einfachesuche& methodName=einfach&rechercheBean. defaultfield=&rechercheBean.defaultfield_widget=Heidelbach& rechercheBean.von=&rechercheBean.bis=&rechercheBean. einfacheSucheRadioName=alle

(6) Es existiert seit Januar 2019 ein intensiver Austausch und Schriftwechsel zwischen dem Verfasser als Bevollmächtigtem des Erben mit Dr. Schwenke, dem Leiter des Stadtarchivs Kassel. Darin werden z.T. bereits Modalitäten für die gewollte Dislozierung thematisiert.

(7) Bericht: „Geheimgang unterm Palais Bellevue in Kassel: Sein Ursprung liegt im Dunkeln“ vom 20.02.2019. Online-Version (Aufruf 24.02.2019): https://www.hna.de/kassel/mitte-kassel-ort248256/ palais-bellevue-in-kassel-geheimgang-unter-teekueche- 11782456.html

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